Warum wir über künstliche Intelligenz sprechen – und dabei emotionale Intelligenz übersehen.
Seit der Veröffentlichung von ChatGPT Ende 2022 hat sich eine Frage durch nahezu jede Diskussion rund um Künstliche Intelligenz gezogen:
Was wird KI künftig alles können?
Wir sprechen über immer leistungsfähigere Modelle, Automatisierung und Produktivität, über Datenschutz, Halluzinationen und die Zukunft ganzer Berufsbilder. Und das zu Recht. Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist technologisch beeindruckend und wird unsere Art zu arbeiten nachhaltig verändern.
Aber vielleicht übersehen wir dabei einen der spannendsten Aspekte dieser Entwicklung. Denn während wir beobachten, wie leistungsfähig künstliche Intelligenz wird, verändert sich gleichzeitig eine andere Frage: Welche Fähigkeiten werden für uns Menschen dadurch wichtiger?
Vielleicht verändert KI nämlich nicht nur unsere Arbeit. Vielleicht verändert sie auch, welchen Wert unterschiedliche Formen von Intelligenz künftig haben.
Ein überraschender Blick auf die Kompetenzen der Zukunft
Der Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum zeichnet ein interessantes Bild. Technologische Kompetenzen gewinnen erwartungsgemäß stark an Bedeutung. KI und Big Data führen die Liste der am schnellsten wachsenden Fähigkeiten an, gefolgt von Netzwerken und Cybersecurity sowie technologischer Kompetenz.
So weit, so wenig überraschend.
Interessant wird es beim Blick auf die Fähigkeiten, die Unternehmen darüber hinaus für wichtig halten. Analytisches Denken bleibt eine der zentralen Kernkompetenzen. Resilienz, Flexibilität und Agilität spielen ebenso eine große Rolle wie Führung und sozialer Einfluss, Neugier und lebenslanges Lernen. Auch Empathie und aktives Zuhören finden sich ausdrücklich unter den relevanten Fähigkeiten.
Das World Economic Forum spricht selbst davon, dass Beschäftigte künftig technische Fähigkeiten mit starken zwischenmenschlichen Kompetenzen und emotionaler Intelligenz verbinden müssen.
Und genau an dieser Stelle wird die KI-Debatte für uns besonders spannend.Denn über die technische Seite sprechen wir viel. Über die andere Intelligenz erstaunlich wenig.
Emotionale Intelligenz – was ist das eigentlich?
Emotionale Intelligenz klingt zunächst ein bisschen nach jener Kategorie von Begriffen, die in Managementseminaren gerne verwendet werden und bei denen trotzdem nicht immer ganz klar ist, was eigentlich gemeint ist.
Dabei steckt dahinter ein ziemlich konkretes Konzept.
Im Kern geht es um die Fähigkeit, Emotionen bei sich selbst und bei anderen wahrzunehmen, zu verstehen und mit ihnen angemessen umzugehen. Dazu gehört, die eigenen Reaktionen zu reflektieren und regulieren zu können, genauso wie Empathie, soziale Wahrnehmung und die Fähigkeit, Beziehungen konstruktiv zu gestalten.
Daniel Goleman, machte das Konzept in den 1990er-Jahren einem breiten Publikum bekannt. In der psychologischen Forschung existieren unterschiedliche Modelle und auch darüber, wie emotionale Intelligenz genau definiert und gemessen werden sollte, wird diskutiert.
Für den Unternehmensalltag ist vor allem eines interessant: Emotionale Intelligenz zeigt sich selten dann, wenn alles problemlos läuft.
Sie zeigt sich, wenn eine Führungskraft merkt, dass hinter Widerstand eigentlich Unsicherheit steckt. Wenn ein Konflikt nicht einfach vermieden, sondern angesprochen wird. Wenn jemand erkennt, dass ein sachlich völlig nachvollziehbares Projekt bei anderen trotzdem Angst auslösen kann. Oder wenn Menschen in einer Situation Orientierung geben können, in der sie selbst noch nicht alle Antworten kennen.
Und plötzlich sind wir mitten in der Digitalisierung.
Digitalisierung ist emotionaler, als wir gerne glauben
Wir sind große Fans von Technologie. Gerade deshalb finden wir es wichtig, ihre Einführung nicht auf die Technologie selbst zu reduzieren.
Denn natürlich kann ein neues System Prozesse schneller, transparenter oder effizienter machen. KI kann Wissen zugänglicher machen, Aufgaben übernehmen und Fähigkeiten verfügbar machen, die gerade für kleinere Unternehmen bisher nur schwer oder teuer zugänglich waren.
Aber Technologie kommt nicht in einem luftleeren Raum an.
Sie trifft auf Organisationen. Auf bestehende Prozesse. Auf Führungskräfte. Auf Teams. Und auf Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen. Wer schon einmal eine neue Zeiterfassung, ein ERP-System, eine digitale Personalakte oder einen automatisierten Prozess eingeführt hat, kennt deshalb wahrscheinlich Fragen, die in keinem technischen Pflichtenheft stehen:
Warum müssen wir das überhaupt ändern? Kann ich das? Was passiert, wenn ich einen Fehler mache? Wird meine Arbeit dadurch kontrolliert? Und irgendwann vielleicht sogar: Braucht man mich dann überhaupt noch?
Keine dieser Fragen lässt sich mit einer besseren Benutzeroberfläche vollständig beantworten.
Genau hier wird emotionale Intelligenz zur wirtschaftlich relevanten Fähigkeit. Nicht als Gegenentwurf zur Technologie, sondern als Voraussetzung dafür, ihr Potenzial tatsächlich nutzen zu können.
Vielleicht verändert KI nicht unsere Fähigkeiten – sondern ihren Wert
Besonders interessant wird diese Entwicklung, wenn wir uns ansehen, was KI gerade mit Wissen macht.
Fachwissen war lange eine knappe Ressource. Wer etwas wusste, was andere nicht wussten, hatte einen Vorsprung. Heute können leistungsfähige KI-Systeme Informationen innerhalb von Sekunden suchen, strukturieren, analysieren und in unterschiedlichste Formen übersetzen.
Das macht Fachwissen keineswegs überflüssig. Im Gegenteil: Ohne Grundlagenwissen wird es schwierig zu beurteilen, ob eine KI gerade eine brillante Analyse liefert oder sehr überzeugend Unsinn produziert.
Aber Wissen allein reicht immer weniger aus.
Wenn Information leichter verfügbar wird, steigt der Wert der Fähigkeit, sie einzuordnen. Wenn KI Optionen generieren kann, wird Urteilsvermögen wichtiger. Wenn Aufgaben automatisiert werden können, wird die Frage wichtiger, welche Aufgaben wir überhaupt automatisieren sollten. Und wenn Veränderungen immer schneller aufeinanderfolgen, steigt der Wert jener Menschen, die andere durch diese Veränderungen begleiten können.
Vielleicht verändert KI also nicht, welche menschlichen Fähigkeiten existieren. Sie verändert, welchen Wert wir ihnen geben.
Artificial Intelligence trifft Human Intelligence
Der Microsoft Work Trend Index beschreibt eine Arbeitswelt, in der genau dieses Zusammenspiel noch enger werden dürfte. Microsoft spricht von sogenannten „Frontier Firms“: Organisationen, in denen Menschen zunehmend gemeinsam mit KI-Agenten arbeiten. In einer späteren Entwicklungsphase sollen Menschen die Richtung vorgeben, während Agenten ganze Prozesse oder Workflows ausführen.
Man muss nicht jede Prognose über die Zukunft der Arbeit für bare Münze nehmen. Die Richtung ist trotzdem bemerkenswert.
Denn wenn KI tatsächlich mehr operative und kognitive Aufgaben übernehmen kann, verschwindet menschliche Arbeit nicht einfach. Rollen verändern sich. Menschen müssen Ziele setzen, Ergebnisse beurteilen, Ausnahmen erkennen, Verantwortung übernehmen und mit anderen Menschen – und zunehmend auch mit intelligenten Systemen – zusammenarbeiten.
Das ist keine Welt, in der technische Kompetenz weniger wichtig wird.
Ganz im Gegenteil. Aber technische Kompetenz allein wird nicht reichen.
Vielleicht müssen wir Intelligenz neu denken
Vielleicht liegt genau hier der blinde Fleck der aktuellen KI-Debatte.
Wir investieren enorm viel Energie in die Frage, wie intelligent unsere Technologie wird. Vielleicht sollten wir mindestens genauso neugierig darauf sein, welche Formen von Intelligenz wir selbst künftig brauchen.
Technologische Intelligenz, um Möglichkeiten zu erkennen und KI sinnvoll einzusetzen. Analytische Intelligenz, um Informationen einzuordnen und Zusammenhänge zu verstehen. Emotionale Intelligenz, um uns selbst und andere durch Veränderung zu führen. Und ethisches Urteilsvermögen, um zu entscheiden, was wir mit all diesen Möglichkeiten tatsächlich tun wollen.
Diese Fähigkeiten stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Und genau deshalb halten wir auch wenig von der Erzählung „Mensch gegen Maschine“.
KI ist kein Gegenentwurf zum Menschen. Sie ist eine Technologie mit einem enormen Potenzial, unsere Fähigkeiten zu erweitern. Gerade deshalb wird es interessant, darüber nachzudenken, welche menschlichen Kompetenzen wir brauchen, um dieses Potenzial sinnvoll einzusetzen.
Vielleicht ist das die spannendere Frage unserer Zeit.
Nicht nur: Wie intelligent kann KI werden?
Sondern: Wie intelligent müssen wir lernen, mit ihr umzugehen?
Quellen und weiterführende Literatur
World Economic Forum (2025): The Future of Jobs Report 2025. Der Bericht basiert auf den Einschätzungen von mehr als 1.000 Arbeitgebern mit zusammen über 14 Millionen Beschäftigten und untersucht unter anderem, welche Kompetenzen bis 2030 an Bedeutung gewinnen.
Microsoft (2025): 2025 Work Trend Index Annual Report – The Year the Frontier Firm Is Born. Grundlage sind unter anderem eine Befragung von 31.000 Beschäftigten in 31 Ländern, LinkedIn-Arbeitsmarktdaten und aggregierte Microsoft-365-Nutzungssignale.
Goleman, Daniel (1995): Emotional Intelligence: Why It Can Matter More Than IQ. New York: Bantam Books.
Mayer, John D.; Salovey, Peter; Caruso, David R. (2004): Emotional Intelligence: Theory, Findings, and Implications. Psychological Inquiry, 15(3), 197–215.

